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Die Schublade Rennstrecke | Warum ich keine Rennstreckenambitionen habe

Posted in Kolumne

Rennsportaffine Menschen klatschen sich wohl innerlich mit der flachen Hand gegen die Stirn, wenn ich die Frage verneine, ob ich mit meiner Fireblade Ambitionen habe auf die Rennstrecke zu gehen. Gedanklich muss ich dabei immer ein wenig schmunzeln, wie wenig ich doch in Schubladen passe.

Denn meine Gründe das Hobby Rennstrecke nicht aufnehmen zu wollen sind vielfältig und vor allem persönlich. Aber heute möchte ich euch, auch um für mehr Akzeptanz gegenüber der Unterschiedlichkeit von uns Bikern zu sorgen, ausführlicher darüber erzählen.


Eine Erinnerung

Ich weiß noch, als ich Anfang 2017 bei der SachsenKrad während eines Bühneninterviews über meinen Blog erzählen durfte (hier findet ihr den Beitrag dazu). Neben dem Moderator André Hardt war ebenso Streckenkommentator Bernd Fulk zu Gast. Sein gefühlt zweiter Satz lautete sinngemäß: „Mädchen, du musst auf die Rennstrecke. Dort tummeln sich die echten Powerfrauen.“

Und dann ging es nur noch um ein Thema. Damals habe ich innerlich mit den Augen gerollt, anstatt zu schmunzeln. Habe darum gebeten, dass ich am nächsten Tag das Interview mit André alleine führen dürfe, anstatt meine Argumente für meine Entscheidung gegen die Rennstrecke hervorzubringen. Die ich damals allerdings erst ganz unbewusst traf, da ich mit diesem Thema bis dahin schlicht und ergreifend viel zu wenig Berührungspunkte hatte.

Interview Rennstrecke Motorradmesse

Die große Puppe im Schubladendenken

Erfahrungen wie diese zeigen mir, dass jeder Mensch versucht in Schubladen zu packen. Manchmal auch einfach aus einer großen, persönlichen Leidenschaft heraus. Auch ich tue das. Und mittlerweile stört es mich nicht mehr, wenn Menschen mir in Sachen Motorrad einreden wollen, was gut für mich sei. Aber die Frage, wann ich endlich auf die Rennstrecke gehe, hat für mich einen ähnlichen Charakter wie jene, wann ich denn endlich gedenke zu heiraten und Kinder zu bekommen.

Aber ich habe mich und das, was mich beim Motorrad fahren glücklich macht, für das Hier und Jetzt gefunden. Und in meinem Fall werden meine Arme und Beine immer wie bei einer viel zu großen Puppe widerspenstig das Schließen der Rennstrecken-Schublade verhindern, sobald mich da jemand hineinpacken möchte.

Was ich in diesem Zusammenhang aber unbedingt loswerden möchte: ich finde es toll, wenn Motorradfahrer und -fahrerinnen ihre Passion auf der Rennstrecke finden. Natürlich sind dort ganze viele Powerfrauen und Supermen unterwegs, die Leistung zeigen und die für den Rennsport brennen! Denen genau das eine so unheimlich große Freude bereitet, auf der Rennstrecke über sich hinauszuwachsen und eine wahnsinnig tolle, aber auch herausfordernde Zeit mit gleichgesinnten Menschen zu haben.

Das muss subjektiv betrachtet eine wirklich schöne Erfahrung sein. Denn egal um was es geht: Menschen die eine Leidenschaft haben und diese ausleben, alles dafür geben, faszinieren mich. Und da kategorisiere ich nicht, ob ich diese Leidenschaft nachempfinden kann oder nicht. Viel eher kategorisiere ich in leidenschaftliche und leidenschaftslose Menschen. Ebenso ein Schubladendenken.

Schublade Rennstrecke Motorradfahrerin Kermit

Meine Leidenschaft Motorrad

Ich für mich lebe die Leidenschaft Motorrad einfach anders aus als viele der gerade jungen Menschen. Mich interessiert ja nicht mal ein langer oder kurzer Kennzeichenhalter, ich Sonderling. Wahrscheinlich stand ich deswegen auf dem Schulhof nie bei den Cool Kids. Weil ich mich in vielen Bereichen des Lebens nicht mit der Denke und der Art der Mehrheit identifizieren kann.

Spontan raus in die Natur. Immer der Nase nach. Alles vergessen. ES fühlen. Das liebe, liebe, liebe ich am Motorradfahren. Kein ewiges Transporter packen, Sachen zusammen suchen, Vorbereitungen treffen, Urlaub nehmen müssen, auf gutes Wetter hoffen, in einen Wettbewerb treten.

Vor allem eben letzteres. Denn ich fahre Motorrad zum Ausgleich. Zum Abstand nehmen von den Dingen im Leben, bei denen ich Leistung zeigen will und muss. Und beim Motorrad fahren will ich das nicht müssen. Nicht als vordergründige Ausrichtung. Ich kann aber auch verstehen, wenn Motorradfahrer auf der Rennstrecke gar nicht diesen Leistungsdruck empfinden, sondern der Spaß im Vordergrund steht.

Aber schon das Kräftemessen auf der Straße nervt mich eben unheimlich. Denn mein Bedürfnis nach Geschwindigkeit ist sehr unterschiedlich stark ausgeprägt und auch absolut tagesformabhängig. Manchmal muss ich unbedingt an meine Vernunft im Geschwindigkeitsrausch appellieren und manchmal bin ich super entspannt unterwegs und genieße das gleichermaßen. Ja, ich mag das Gegensätzliche. Und vielleicht zählt eine Honda Fireblade auf der Straße ja dazu.

Fireblade SC77 Motorradfahrerin

Der unbändige Schrei nach Rennstreckentrainings

Ich finde Trainings und Training richtig und wichtig. Es hilft sicherer zu werden, Techniken zu begreifen und direkt umzusetzen. Die Erfahrung habe ich selbst schon gemacht und möchte sie nicht mehr missen. Steinigt mich aber bitte nicht, dass ich diesen unbändigen Schrei nach Rennstreckentrainings für und von Hobbyfahrern manchmal ganz furchtbar finde.

Ab und an ein Fahrsicherheits-, Kurven- oder Schräglagentraining wenn man sonst keine Rennstreckenambitionen hat? Top. Versteht mich da bitte, bitte nicht falsch. Und natürlich wird niemand durch eine Rennstreckenerfahrung doofer. Ganz im Gegenteil! Aber warum immer und überall Rennstrecke, wenn ich keine (Hobby-)Rennfahrerin werden möchte und meinen Spaß in anderen Dingen beim Motorradfahren finde? Ist wohl wieder so ein Trendding, was ich nicht verstehen mag.

Denn ich finde, wir Menschen verlernen einfach immer mehr intuitiv zu handeln. Wenn keine passende App zur Verfügung steht, die uns bei unseren „Problemen“ hilft, wirken wir zunehmend aufgeschmissen. Wir verlernen, in uns zu hören und uns selbst zu reflektieren. Zu wissen, was WIR denn eigentlich wirklich wollen. Wo wir ein Quäntchen mehr auf die Schippe legen sollten und was wir eigentlich schon ganz gut machen. Einfach durchs tun, oder eben fahren. Und nicht dadurch, weil Trends uns das so vorgeben.

Motorradfahrerin Leidenschaft Motorrad fahren

Die Sache mir der Perfektion

Auch ich habe noch eine Menge zu lernen, habe aber keinen Anspruch auf Perfektion. Das können andere verstehen, müssen sie aber nicht. Für mich ist Motorrad fahren eine unheimlich emotionale Sache. Die allerdings gefährlich sein kann. Daher steht für mich stets das sichere, aber nicht das immer möglichst schnellste oder mutigste Fahren an erster Stelle. So bin ich einfach gestrickt.

Und Fakt ist, weder auf der Straße noch auf der Rennstrecke fahren Hobbyfahrer eine Fireblade aus. Warum ich sie mir dann gekauft habe? Ich schmunzle wieder und denke mir: weil ich es kann. Und weil sie trotz allem zu mir passt. So einfach ist das manchmal. Und das lege ich ganz für mich allein fest.

Auch stehen dieses Jahr andere Dinge für mich im Vordergrund. Zum Beispiel mein berufsbegleitendes Studium zu wuppen. Der Gedanke beengt mich wahnsinnig, zwischen dieser und anderen Aufgaben zu wissen, dass ich an jenem Rennstreckentag startklar sein muss. Bestenfalls richtig gut drauf bin, psychisch und physisch. Damit ich dieses Abenteuer bestreiten könnte, was ich eben nicht nur mit guten Gefühlen im Verbindung bringe.

Und die Angst den eigenen Ansprüchen nicht genug zu sein, die manchmal verdammt hoch sein können? Vielleicht auch das. Dafür habe ich aktuell nicht die nötigen Reserven. Möchte sie nicht haben. Investiere sie lieber in andere Leidenschaften, die ich zweifelsohne besitze.

Motorradfahrerin Leidenschaft Motorrad fahren

Sag niemals nie

Aber was ich in meinem Leben immer wieder feststelle ist: sag niemals nie. Wer weiß, wann ich die nächste Herausforderung suche. Wann ich an den Punkt komme, einen neuen Weg einschlagen zu wollen. Vielleicht passiert das irgendwann. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ergibt sich ein Mittelweg. Aber heute und morgen wird sie sich mit mir nicht schließen lassen: die Schublade Rennstrecke.

Und was ich abschließend sagen möchte: tut, was euch gefällt. Die Dinge die euer Herz höher schlagen lassen. Die euch so richtig glücklich machen. Wenn ihr geisteskrank fahrt und auf der Rennstrecke besser aufgehoben seid, tut es. Wenn ihr einfach Bock drauf habt wie eure Idole Rennstreckenluft zu schnuppern, tut es. Wenn ihr lieber in der Natur, im Gelände oder in fernen Ländern per Motorrad unterwegs sein wollt, tut es. Wenn ihr mit dem Motorrad einfach nur zum nächsten Kaffee und zurück fahren wollt, tut es. Und auch wenn ihr ein bisschen von alle dem in euch tragt. Tut genau das! Denn niemand von uns Motorradfahrern ist bezüglich seiner persönlichen Präferenzen besser oder schlechter als der andere. Das müssen eben nur noch viele von uns lernen.

Also: macht euch keine Gedanken über schwarz-weiß Konventionen oder darüber, was andere von euch halten könnten. Ihr werdet für lächerlich gehalten? Wen interessiert das. Je mehr ihr hinter euren eigenen Entscheidungen steht, umso weniger braucht ihr das Gefühl und das Bedürfnis, dass andere es tun sollten. Schmunzelt in euch hinein mit dem Wissen, dass ihr ein absoluter Glückspilz seid, wenn ihr dem nachgeht wofür ihr brennt. Nur das zählt. Einzig und allein das.

Leidenschaft Motorrad fahren

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2 Comments

  1. Anonymous
    Anonymous

    Den Bericht finde ich genauso gut wie Deine für Dich getroffene Entscheidung. Leider werden oft Entscheidungen aus einem Gruppenzwang heraus getroffen, hinter dem der/die jenige eigentlich nicht steht. Und da kann es dann auch gefährlich werden. Für viele ist es eben wichtig jedem Trend hinterher zu laufen um cool zu sein und benötigen für ihr Ego unbedingt die ständige Anerkennung von ihrem Umfeld. Und wenn es nur die Anerkennung von Personen aus den sozialen Medien ist, die man häufig noch nicht einmal persönlich kennt. Für mich ein Zeichen von schwachem Selbstbewusstsein. Vielleicht sollte der/die eine oder andere zunächst mal daran arbeiten. Aber letztlich kann jeder das tun was er meint tun zu müssen und muss die Verantwortung für sein Handeln auch alleine übernehmen. In Deinem Fall: alles richtig gemacht!

    17. Februar 2019
    |Reply
  2. Silencer LE
    Silencer LE

    Kann ich gut nachvollziehen Deine Entscheidung. Ich werde auch oft genug gefragt, warum ich denn eine RR kaufe, wenn ich sie dann „doch nicht ausfahre“ Inkl. erstaunlicher Weisheiten wie „S1000RR gehört nur auf die Rennstrecke“. Mir ist das völlig Rille. Ich zahl für das Bike, also entscheide ich auch wo ich es fahre. Auf der LS genieße ich es jederzeit Leistungsreserven zu haben. Gibt genug beknackte Autofahrer, welche bewusst Gas geben, wenn man sie überholt und hinten schon der Gegenverkehr zu sehen ist. Da ist es einfach schön Reserven zu haben. Optik, Sound, Fahrgefühl der RR kommen noch dazu. Ich beschränke mich aktuell auf Schräglagentrainings und Kurventrainings um fit zu sein. Vielleicht kratzt es mich irgendwann und dann mach ich mal ein Rennstreckentraining. Auf die Dauer reizt mich aber wahrscheinlich nur die LS. Lass Dich nicht beirren und mach Dein Ding. 🙂

    26. Mai 2019
    |Reply

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